Darf’s ein bisschen mehr sein? Gedanken zur Natürlichkeit.

Aktualisiert: Mai 5

Von Anja Niederberger / 6. September 2015


Natürlichkeit: Eigenschaft, vor allem von Personen, die ein offenes, unverstelltes Verhalten zeigen (Wiktionary)

Ähnliche Eigenschaften wie Natürlichkeit, also Synonyme zu Natürlichkeit sind z.B. Unbefangenheit, Einfachheit, Lässigkeit, Reinheit. (Yogawiki)

Jede Eigenschaft, jede Tugend, die übertrieben wird, wird zu einer Untugend, zu einem Laster, einer nicht hilfreichen Eigenschaft. Natürlichkeit übertrieben kann ausarten z.B. in Zwanglosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Unzuverlässigkeit. Daher braucht Natürlichkeit als Gegenpol die Kultivierung von Etikette, Benehmen, Sittlichkeit, Moral. (Yogawiki)


Heute waren meine Hunde und ich wiedermal auf einem langen Spaziergang unterwegs. Wir liefen über Wiesen, durch Bäche, auf befestigten Wegen, durch den Wald. Manchmal schien die Sonne, zwischendurch regnete es, ab und zu blies der Wind und dann wurde es wieder sehr warm. Meine Hunde taten das, was Hunde tun: sie schnüffelten, sie tranken aus dem Bach, sie rannten, sie schlenderten, sie scannten den Wald, manchmal rempelten sie sich an, dann gab es wieder Zuneigungsgesten, sie orientierten sich immer mal wieder an mir, und manchmal hatten sie grad was Besseres zu tun. Einer der beiden zog sehr oft an der Leine, manchmal aber auch nicht. Der Andere der Beiden schnüffelten manchmal ellenlang an einem Grasbüschel und lief auch nicht weiter wenn ich es ihm sagte. Hin und wieder schloss er zügig auf und berührte beim Vorbeigehen meine Hand. Meine Hunde benahmen sich natürlich. Und was tat ich? Ich grübelte. Die soll jetzt mal nicht mehr so an der Leine ziehen. Wir müssen das jetzt dann aber mal echt in Griff kriegen, ist ja langsam peinlich. Wieso kommt der Alte nicht wenn ich ihn rufe? Ob er wohl nicht mehr gut hört? Die Augen werden auch immer trüber... Scannen ist eigentlich ein No-go, sollte ich wohl abstellen. Jetzt zieht die schon wieder wie eine Irre an der Leine! Etc. Etc. Etc. Wir liefen so weiter, meine Hunde waren Hunde und ich war eine kopfgesteuerte, verlerntheoretisierte Hundetrainerin+Hundehalterin auf Grübelkurs an ihrem freien Tag.

Durch die Natürlichkeit meiner Hunde, durch die Erdverbundenheit meiner laufenden Füsse auf dem Boden, durch den ständig wechselnden Himmel kam ich zurück zu mir. Zu meiner eigenen Natürlichkeit. Und schmiss die Lerntheorien, die Ansprüche, die Erwartungen, die Grübeleien aus meinem Kopf und begann, die Tour zu geniessen. Die Eigenschaften meiner Hunde anzunehmen ohne zu werten. Einfach mal Fünfe gerade sein lassen. Einfach mal zusammen wandern und achtsam sein für das was ist. EINFACH mal SEIN. Natürlichkeit. In der Natur. Unbefangen. Einfach. Lässig. Trotzdem galten auch in dieser Natürlichkeit einige Anstandregeln. Ich verlangte diese Regeln von meinen Hunden gegenüber mir, gegenüber einander, von mir zu ihnen. Wir hielten uns an diese Anstandsregeln gegenüber anderen Spaziergängern, Velofahrern, anderen Hundehaltern, wir bewegten uns mit Achtung und Respekt durch die Natur und befolgten Anstandregeln gegenüber den Wald- und Wiesenbewohnern. Eigentlich eine natürliche Sache, würde man meinen.

Wer sich heutzutage einen Hund anschafft oder bereits einen oder mehrere hat, weiss, dass es nicht mehr so einfach ist. Es gibt Hundegesetze, für fast jeden Kanton ein anderes, es gibt obligatorische Sachkundennachweise, gefühlte zigtausende Hundeschulen. Man spricht von positiver Verstärkung, von Clickern und Markern, Regeln setzen, von Abbrüchen und Durchbrüchen, von BARF und veganem Hundefutter, es gibt anatomisch geformte Hundebetten und strassbesetzte Halsbänder, farbenfrohe Spielzeuge für den Hund die allesamt lustig quietschen. Man spricht von Leinenführigkeit, Anti-Jagdtraining, der Hund soll immer zu allem und jedem nett sein und keine eigene Meinung haben, schön aussehen und bitte bloss nicht haaren oder stinken. Er soll toben, rennen, spielen, jeden fremden Hund total toll finden und ebenso jeden Menschen. In der Hundeschule soll er sich artig benehmen und ganz viele Tricks können. Sein Stundenplan ist durchgetaktet und der Platz im Hundehort fest gebucht. Man trifft andere Hundehalter die ihre Hunde nicht im Griff haben, solche die ihren Hund nie anleinen und solche, deren arme Hunde nie frei laufen dürfen. Es gibt Hundehalter die sofort in den Wald springen wenn sie einen anderen sehen und solche, die keine Millimeter zur Seite gehen wenn man sich kreuzt. Es gibt welche die immer ganz fein duftende Würstchen dabei haben und solche die viel schreien.

Es gibt unzählige Seminare zum Thema Hund. Verschiedenste Beschäftigungsmöglichkeiten für den Hund. Studien werden gemacht über den Hund, sein Verhalten wird in Testreihen genauestens untersucht. Es werden Vergleiche hergestellt, althergebrachte Vorgehensweisen demontiert, neueste Erkenntnisse hochgebujelt. Es wird debattiert, diskutiert, polemisiert und polarisiert. Von Hundetrainer zu Hundetrainer. Von Hundehalter zu Hundehalter und von Hundehalter zum Hundetrainer und retour. Vom Verhaltenstherapeut zum Hundepsychologe und rüber zum Tierarzt. Man weiss immer mehr und mehr über den Hund. Und das ist gut so. Aber auch schwierig.

Manchmal habe ich den Eindruck, je mehr wir wissen, je mehr wir können, je mehr unser Kopf mit all diesen Hundedingen gefüllt ist, desto mehr vergessen wir die Natürlichkeit. Unser Bauchgefühl und unsere Instinktsicherheit liegt brach ob all diesem Wissen und kopfgesteuerten Informationen in unserem Hirn. Zum Glück gibt es einen, der vergisst die Natürlichkeit nie. Der Hund. Ich wünsche mir für dich und für mich und für unsere Hunde, dass wir uns wieder etwas mehr auf Einfachheit, auf die Lässigkeit, auf die Unbefangenheit besinnen. Wiedermal auf unser Bauchgefühl hören, neugierig sein, ganz frech neue Dinge ausprobieren ohne vorher zig Bücher/Videos/Hundetrainer zu konsultieren. Wiedermal Verbundenheit spüren. Wiedermal das Lachen im Gesicht unserer Hunde sehen. Wiedermal den Boden unter den Füssen spüren. Das tun, was für unsere Hund normal ist: zusammen in der Gruppe durch die Natur streifen, sich gemeinsam bewegen, die Welt durch die Nase, Augen und mit dem Herzen wahrnehmen. Unsere Seele entplastifizieren und unser Hirn entdigitalisieren, unseren Verstand entvertheoretisieren und wieder offen werden für das Wahrhaftige, für das was ist, für den Moment. Uns dran erinnern, was wir an unseren Hunden mögen, warum sie unsere Freunde sind, DASS sie unsere Freunde sind. Freunde müssen nicht perfekt sein. Freunde müssen nicht funktionieren. Nicht die Anzahl Tricks, nicht die schöne Unterordnung, auch nicht die Schnelligkeit im Parcours oder die Unscheinbarkeit bei Hundebegegnungen bestimmen, ob unsere Hunde gute Hunde sind. Unsere Hunde sind in erster Linie Hunde, und genau das ist gut so.

Zur Natürlichkeit gehören Respekt, Anstand, Benimmregeln. Es geht nicht darum, komplett losgelöst, zügellos und ausufernd seinen Egotrip auszuleben. Das wäre Natürlichkeit zum Exzess betrieben. Dies wäre genauso ungesund wie die Gefangenschaft der menschlichen und der hündischen Natur. Es geht um Balance, um das Zurechtrücken unseres Wissens im Kopf und öffnen unseres Herzens. Unsere Seele wieder sprechen lassen. Unseren Hunden wieder zuhören. Nutzen wir die vielen Möglichkeiten, so viel wir wollen über Hunde zu lernen. Nur wenn wir über das Wesen des Hundes Bescheid wissen, können wir auch erkennen, was seine Natur ist. Und nur durch diese Erkenntnis ist Natürlichkeit möglich. Am schönsten ist es, wenn das Wissen im Hirn langsam ins Herz sickert und sich dort verbindet mit dem Wissen des Herzens. Dann sind wir natürlich, können unbefangen sein ohne der Naivität zu verfallen. Dann sind wir in der Lage, unsere Hunde Hunde sein zu lassen und masszuregeln, wenn es etwas zu regeln gibt, ohne jedoch mit einem dauerhaft erhobenen Zeigefinger durch die Gegend zu rennen.

Ich wünsche mir, dass wir unsere Hunde geniessen, das Zusammensein mit ihnen als Bereicherung empfinden, die Problemchen und die Probleme als Herausforderung annehmen und dranbleiben an unseren persönlichen wie auch den hündischen Themen ohne unseren Humor zu verlieren. Auch wenn nicht alles klappt, auch wenn es noch viel zu verbessern gibt und wir immer wiedermal in die gleiche Falle tappen, es ist okay. Dranbleiben, an sich glauben, dem Hund beistehen, auch wenn er sich wie ein Idiot aufführt, nicht aufgeben! Und ganz viele lange, kurze, spannende, langweilige, sonnige, verregnete, verschneite Spaziergänge machen. Spaziergänge, auf denen wir die Theorie, die Studien, die Tipps und Tricks, das Richtig und Falsch in der symbolischen Schultasche zurücklassen und einfach natürlich mit unserem Hund durch die Natur streifen. Wiedermal spielen mit unserem Hund, nebeneinander liegen, sein Fell riechen, ihn kraulen wo er es am liebsten mag, ihn wiedermal machen lassen, ohne zu befehlen, ohne ungeduldig zu werden wenn die Grasbüschelkontrolle gefühlte Stunden dauert, mit ihm zusammen den Wald durchstreifen, ihn frech sein lassen. Mit allen Sinnen im Moment sein und unseren Hund wahrnehmen als das was er ist. Wie oft sehen wir in ihm das was er nicht ist und in unseren Augen sein sollte. Weder der Mensch noch der Hund muss perfekt sein. Aber ein bisschen mehr Natürlichkeit - back to the roots, sozusagen - das wäre was Schönes.




Es gibt eine spezielle Erhabenheit in der Natürlichkeit, die weit überlegener ist als jede Eleganz des Geistes.“ (Alexander Pope (1688 - 1744), englischer Dichter, Essayist, Satiriker und Übersetzer der Epen Homers)







Prentice Mulford war Journalist, Erzieher, Goldgräber und Warenhausbesitzer, er lebte von 1834 bis 1891 und sagte mal: „Wir haben ein vitales Bedürfnis nach einem Genossen, mit dem wir natürlich sein dürfen! Wir Hündeler haben diesem vitalen Bedürfnis eine Gestalt gegeben, es ist unser Hund. In diesem Sinne: Leine in die Hand, Gummistiefel an die Füsse und los, ab in die Natürlichkeit!



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